Praktikumsbericht von SW 2009 /2010
Seit unserer Rückkehr fragen einen die Verwandten und Freunde immer wieder: Und wie war es?
Und jedes Mal wieder sucht man einen Satz, der Afrika oder den erlebten Monat auch nur ansatzweise beschreibt. Doch schon nach kurzem überlegen, muss man feststellen, dass es unmöglich ist, das Erfahrene in einem Satz aus zudrücken. Und jeder der es wirklich wissen will, muss Zeit mitbringen...
Ich habe bereits ein Jahr lang in einem Entwicklungsland in Mittelamerika (Honduras) gelebt und ging naiver Weise davon aus: Hat man ein Entwicklungsland gesehen, kennt man sie alle. Der Monat in Afrika sollte uns etwas anderes lehren!
Wir fuhren mit den Erwartungen los ein neues aber armes Land, seine Kultur und als Medizinstudenten vor allem sein Gesundheitssystem kennen zu lernen.
Vor unserer Fahrt nach Togo mit dem Projekt West-Afrika sammelten alle Teilnehmer (eine Gruppe von 25 Medizinstudenten) Spendengüter in Form von Medikamenten und Materialien für das Krankenhaus, Klamotten und Spielsachen für Kinder und Bedürftige sowie Geld für den Bau eines Kinderheims und eines neuen Gesundheitszentrums. Am Flughafen Frankfurt angekommen, hatten wir 25 Umzugskartons à 24 kg Spendengüter zusammen gesammelt. Mit insgesamt 600kg Spenden insbesonders einige Larynscopie von Firma Storz im Gepäck waren wir darauf gefasst Armut und Leid zu sehen, doch sie dann tatsächlich zu erleben löst selbst in den Erinnerungen noch Gänsehaut aus.
Der erste Tag im Krankenhaus verlief genau so, wie man sich die Organisation in Afrika vorstellt. Um Punkt 8 Uhr versammelten wir uns alle im Konferenzraum des Krankenhauses, wo wir den Krankenhaus-Leiter erwarteten, der uns das Krankenhaus zeigen sollte. Nach drei Stunden Wartezeit verließen wir tatenlos das Krankenhaus um erst am nächsten Tag wieder zu kommen. Doch auch am zweiten Tag erhielten wir keine Führung. Den Leiter des Krankenhauses bekamen wir nicht einmal am letzten Tag unseres Aufenthaltes, bei der offiziellen Spendenübergabe zu sehen.
Und so begann ein Monat im Universitätskrankenhaus von Lomé. Jeder wurde auf seine Station gebracht und zumindest von der Pflegeleitung einmal jedem auf der Station vorgestellt. Fort an waren wir dann alle auf uns alleine gestellt. Es sollte noch ganze drei Tage dauern, bis die Ärzte und anderes Personal auf der Station uns überhaupt wahrnahmen. Und selbst dann war vielen bis zum Tag unseres Abschieds nicht genau bewusst, was wir eigentlich in diesem Krankenhaus machten. Dementsprechend wenig wurde uns gezeigt und beigebracht. Es schien ihnen fast unmöglich, dass deutsche „Ärzte in weiß“ nach Afrika kommen, um etwas zu lernen.
Die Arbeit im Universitätskrankenhaus ist nichts für sensible Gemüter. Es war ein schockierender, emotionaler, krasser aber auch schöner und trotz allen lehrreichen Monat.
In Togo haben nur 5% der Bevölkerung eine Krankenversicherung. Wer ins Krankenhaus kommt und eine Behandlung erwartet, muss zunächst alles dafür Benötigte in der Apotheke kaufen. Und im Krankenhaus wird einfach alles benötigt, von den Handschuhen für die erste Untersuchung durch die Ärzte bis zum OP-Kitt, in dem alles Notwendige für eine OP zu finden ist. Wer nicht das nötige Kleingeld besitzt, um in einer Apotheke Medikamente und sonstiges zu kaufen, wird nicht behandelt. Auf diese Art und Weise sterben täglich Patienten vor den Augen der Ärzte einfach dahin. Selbst wenn die Ärzte etwas tun wollten, könnten sie es häufig nicht, weil das Material fehlt. Das Krankenhaus besteht aus Räumen und darin stehenden Betten, mehr gibt es kaum. So teilt sich zum Beispiel das gesamte Krankenhaus ein einziges EKG-Gerät.
Nach einer Weile gewinnt man den Eindruck, dass nicht wirklich Medizin betrieben wird in diesem Krankenhaus. In Deutschland beschweren wir uns über die Geräte- und Labormedizin, darüber, dass wir uns den Menschen selbst nicht mehr genau anschauen, sondern nur noch anhand von Röntgenbildern und Laborwerten urteilen. Doch wenn man die Zustände in Togo miterlebt hat, kann man nur noch Erleichterung empfinden, dass man in Deutschland Medizin überhaupt richtig praktizieren kann. Dass die Möglichkeit besteht. Dass UMGEHEND etwas getan werden kann, ohne vorher in einer Apotheke gewesen zu sein.
Ich habe einen Monat auf der Gynäkologie zugebracht. Im Kreissaal befinden sich 5 Betten, die eigentlich immer belegt sind. Meist liegen die Frauen alle gleichzeitig in den Wehen und bekommen nicht wie bei uns in Deutschland Beruhigungs- oder Schmerzmittel. Das Geschrei der Frauen ist ohrenbetäubend, man kann sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Die Ärzte, die dem Ganzen Tag für Tag ausgesetzt sind, bringen kein Verständnis mehr dafür auf, dass eine Geburt eine schmerzhafte Angelegenheit ist, sondern beschimpfen die Frauen, dass man ihr Geschrei bis zum Markt hören würde und sie doch gefälligst ruhig sein sollen. Manch eine besonders hysterisch schreiende Frau bekommt sogar mal einen Hieb auf den Hintern. Die Frauen werden während des Geburtvorganges fast vollständig alleine gelassen, erst wenn man den Kopf des Kindes sehen kann, scheinen sich die Hebammen zu erbarmen und legen helfend Hand an. Wenn klar ist, dass es sich um eine Totgeburt handelt, bleibt auch dieser Teil der Geburt der Frau selbst überlassen. Geburtsvorbereitung ist in Togo ein Fremdwort. Viele Frauen sind noch sehr jung und sind das erste Mal schwanger. Sie haben Angst, wissen nicht was ihnen bevorsteht und werden auch vor Ort nicht mehr aufgeklärt. Außerdem habe ich in der ganzen Zeit, die ich im Kreissaal verbracht habe, kein einziges Mal den Ehemann einer Frau während der Geburt gesehen. Das Kinderbekommen ist in Togo ganz allein Sache der schwangeren Frau. In einer Welt, in der das Durchschnittsalter 18 Jahre beträgt, weil die Sterblichkeits- und Geburtenrate so hoch sind, scheint das einzelne geborene Kind an Wert zu verlieren. Auch Frauen sind nur diejenigen, die Kinder auf die Welt bringen und somit noch jemanden, der ernährt werden muss. Das ist der allgemeine Eindruck, den man in der Gynäkologie gewinnt, aber natürlich gibt es auch Andere. Schaut man zum Beispiel in der Pädiatrie vorbei, sieht man Familien, die sich rührend um ihre Kinder kümmern, sogar Väter, die statt der Mutter am Bett ihres Kindes wachen. Doch das sind trotzdem noch die Ausnahmen.
Schockierende Zustände findet man auch im OP oder in der „Reanimation“. Es gibt keinerlei Geräte zur Beatmung, Kreislaufüberwachung etc. Im OP steht tatsächlich immer ein Anästhesist am Patienten mit dem Finger an der Schlagader, um während der gesamten Zeit den Puls zu überprüfen. Ein weiterer Anästhesist steht zum manuellen Beatmen ebenfalls die ganze Zeit daneben. Auch in der Reanimation sind die Patienten, die eine Beatmung zum Überleben brauchen, zum sterben verurteilt. Doch selbst wenn es maschinelle Beatmungsgeräte gäbe, ist die Durchführbarkeit ohne eigene Stromregeneratoren, aufgrund der häufigen Stromausfälle, fraglich.
Wir wurden recht früh darüber aufgeklärt, dass eine einfache Spendenübergabe auf den Stationen keinen Sinn machen würde. Sehr wahrscheinlich wäre am nächsten Tag bereits alles verschwunden gewesen, von Ärzten und anderem Personal mitgenommen, um es für den Eigenbedarf zu nutzten oder weiter zu verkaufen. Das Selbe passiert auch häufig mit den eigentlich unverkäuflichen Medikamenten-Mustern, die die Pharmavertreter an die Ärzte verschenken.
Somit stellten wir ein Pilotprojekt auf die Beine. Die Chirurgie, die Innere Medizin und die Gynäkologie bekamen genauestens auf einer Liste dokumentierte Hilfsgüter, die sie auf ihrer Station bei Patienten einsetzen sollen, die ihre Behandlung nicht bezahlen können. Auf jeder dieser Stationen gibt es einen Verantwortlichen, der sich regelmäßig davon überzeugen muss, dass alles seine Richtigkeit hat. Dies wurde sogar vertraglich festgehalten. Jeder Verbrauch von Hilfsgütern muss genauestens in einem eigens dafür vorgesehenen Heft dokumentiert werden. Auf diese Art und Weise kann man auch rückblickend nachvollziehen, welche Medikamente oder Utensilien auf den einzelnen Stationen besonders gebraucht werden und kann anschließend gezielt Spenden sammeln. Um den Ernst unseres Anliegens zu unterstreichen, haben wir eine offizielle Spendenübergabe im Krankenhaus mit allen Beteiligten und der togolesischen Presse veranstaltet. Die Übergabe wurde dreimal jeweils in den Hauptnachrichten des togolesischen Fernsehens gezeigt.
Dieses Pilotprojekt hat gezeigt, dass es mit einfachen Spenden nicht getan ist und man vielen vorher unbekannten Problemen gegenüber steht. Daher war es sichtlich von Vorteil, dass unser Projektleiter Togolese ist und sich mit der Mentalität und den Problemen seines Landes bestens auskennt. Trotz der vielen Mühen und Planungen hinter diesen Spenden, konnte keiner von uns die Zweifel wirklich ablegen, dass das Projekt richtig funktionieren wird.
Trotz dieser ganzen eher niederschmetternden Erfahrungen, trifft man im Krankenhaus auch immer wieder auf Ärzte, die die Sonne im Herzen zu tragen scheinen. Ich habe eine große Bewunderung für diese Menschen empfunden, die in einer Welt Medizin studiert haben, in der die Hoffnungslosigkeit ihres Tuns ihnen praktisch ab dem ersten Semester in die Wiege gelegt wird. Und trotz allem kämpfen sie selbst nach Jahren noch voller Hoffnung für ihre Patienten und werden es nie müde die nachkommenden Generation immer wieder zurecht zu weisen und eines besseren zu belehren. In solchen Momenten frage ich mich, ob ich es geschafft hätte in diesem Land Idealist zu bleiben.
Neben der Arbeit im Krankenhaus verbrachten wir viel Zeit damit, zu den einzelnen Projekten zu reisen, für die wir Spenden gesammelt hatten. Es war zum einen eine schöne Gelegenheit das übrige Land kennen zulernen, aber vor allem eine Bestätigung dafür, dass unsere Spenden auch wirklich diejenigen erreichen, die es am dringendsten benötigen.
Dank der finanziellen Spenden, die wir gesammelt hatten, verbrachten wir drei Tage mit dem Bau eines Kinderheims, dessen Grundmauern bereits standen und nun von uns weiter in die Höhe fortgesetzt werden konnten. Das Kinderheim, oder das was es einmal werden soll, liegt etwas außerhalb der Hauptstadt. Nicht weit entfernt davon befindet sich eine Grundschule, in der es sich sehr schnell herumsprach, dass 25 Weiße nebenan Steine schleppten und Zement anrührten. Innerhalb kürzester Zeit wurden wir im wahrsten Sinne des Wortes umlagert von hunderten von Kindern die wie Bienen in einem Schwarm zu uns rüber gelaufen kamen. Wie immer hatten wir für Kinder ein paar Süßigkeiten, Ballons und Kugelschreiber (Kugelschreiber sind bei Kindern heiß beliebte Wahre!) dabei. Das stellte sich aber bei diesen Massen an Kindern als keine gute Idee heraus. Innerhalb kürzester Zeit umzingelten uns die Kinder und man sah nur noch kleine schwarze Händchen, die sich einem entgegen streckten und flehende Augen die einen anschauten. Wie aus dem nichts kam es plötzlich zu einem riesigen Gerangel und Geschubse, jedes Kind schrie das Andere an, die ganz Kleinen wurden einfach weg gedrängelt. Man konnte sich kaum noch selbst auf den Füßen halten. Es war schockierend, was für eine Aggressivität aus der Not der Kinder wegen einiger Kugelschreiber, Ballons und Süßigkeiten aufgekommen war. In diesem Augenblick konnte man das volle Ausmaß an Armut spüren, in welchem diese Kinder aufwachsen. Es war eine unangenehme, als auch schmerzhafte Situation zugleich.
Mit unseren Spenden konnten wir einzelnen Menschen ein Lächeln auf die Lippen zaubern, doch wird einem auch schmerzhaft bewusst, dass das Lächeln nicht von langer Dauer sein wird und unsere Spenden letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Hilfsgüter allein werden in Afrika nichts verändern. Die gesamte Infrastruktur müsste neu gestaltet und das Gesundheitssystem überhaupt erst einmal errichtet werden. Wobei ich denke, dass man Abstand von der Idee nehmen sollte, dass das europäische oder westliche System das adäquateste oder anwendbarste ist. Es müsste vielmehr ein System entwickelt werden, dass die afrikanische Mentalität und die Gegebenheiten berücksichtigt.
Ich glaube, fast jeder der in ein Entwicklungsland fährt, kommt mit dem ähnlichen Gefühl nach Hause zurück, dass die eigenen Sorgen auf einmal so klein und bedeutungslos erscheinen. Man erlebt die Mitmenschen als undankbare „Nörgler“, obwohl sie doch in einem so großzügigen Land Leben. Die Ansprüche steigen eben mit dem Wohlstand. Und so kann man nur hoffen, dass die Erinnerungen an den Monat in Afrika nicht so schnell verblassen, damit man nicht selbst bald schon wieder zu einem der „Nörgler“ wird...
Wir bedanken die Firma Storz für ihre Vertrauen und Spende an dem „Projekt West-Afrika e.V.“ für Universität Krankenhaus in Lomé (CHU- Lomé) Togo in Westafrika während sein 5 Jahre Jubiläum.
Von Frau Laurence GOUT & Herr Akoete SODOGAS




